„Auf Meeren, nie zuvor befahren ...“ 
 Luís de Camões, portraitiert von
seinem Zeitgenossen, dem spanisch-
portugiesischen Maler Fernão Gomes
Heute, am 10.Juni, ist Feiertag in Portugal. In jedem Jahr ist eine andere Stadt Bühne für die zentrale Feier des Gedenktages; in diesem Jahr ist es Elvas im Alentejo. Nicht erst in Zeiten der Krise wird der Tag mit aktueller nationaler Politik überfrachtet und liefert Politikern Gelegenheit, ihre eigenen Philosophien über Staat und Gesellschaft unters Volk zu bringen. Dabei trägt der Feiertag einen kultur-historischen Namen: Den des Nationaldichters Luís de Camões, wahrscheinlich 1524 in Lissabon geboren und 1580 ebendort Opfer der Pest geworden. Er lieferte mit seinem Poem 'Os Lusíadas' das poetische Geschichtsbuch des Landes. Wer den Spuren des viel interpretierten Dichters folgt, kann noch immer vieles entdecken. 
Hinter dem schmiedeeisernen Portal liegt ein Garten. Die Menschen sitzen im Schatten tropischer Bäume, nebenan picken Tauben Körner vom Boden. Aus den seitab liegenden Pavillons klingt klassische Musik. Beschauliche Szenen aus der früheren portugiesischen Kolonie Macau – der Park ist Luís Vaz de Camões gewidmet, Portugals wichtigstem Dichter. Teile des Nationalepos „Os Lusíadas“, zugeeignet dem Seefahrer Vasco da Gama, der als einer der „Söhne Lusitaniens“ die Meere befuhr und mit Eroberungen die Welt für immer veränderte, soll Camões nach 1558 während seines Aufenthaltes in Macau geschrieben haben. In seiner Heimat Portugal wurde sein Todestag, der 10. Juni, zum Nationalfeiertag mit dem wohl den längsten aller Feiertags-Namen: „Dia de Portugal, de Camões e das Comunidades Portuguesas” (Tag von Portugal, Camões und den portugiesischen Gemeinschaften). 
150 Jahre nach Camões' Tod leitet der französische Philosoph Voltaire die Diskussion um das Verdienst des Werkes ein.
Im Park in Macau hat der koreanische Priester Andrew Kim weitere hundert Jahre später dem Dichter zu Ehren eine Bronzestatue errichtet. Die englischsprachige indische Zeitung „The Hindu“ nennt Camões den „portugiesischen Prometheus“, vergleicht also den Dichter mit dem Titanen der griechischen Mythologie, der als Wohltäter und Helfer der Menschheit galt und ihr Kultur und das Feuer brachte. Und Shihan de Silva Jayasuriya aus Sri Lanka (das unter seinem damaligen Namen Taprobana gleich im vierten Vers der Lusiaden erwähnt wird) meint in einem jüngeren Essay, die portugiesischen Entdeckungsfahrten seien nur mit „Neil Armstrongs Reise zum Mond“ vergleichbar, Camões erschloss „neue Welten für diese Welt“. 
Es kommt selten vor, dass eine nationale Gestalt in vielen Teilen der Welt gerühmt wird, auch noch Jahrhunderte nach dem Tode. Über das Leben des Mannes, der einen erheblichen Beitrag zur dichterischen Gestaltung der Weltgeschichte leistete ist nur wenig dokumentiert, weshalb das Überlieferte wohl von Legenden durchzogen sein dürfte. In einer verarmten Adelsfamilie in Lissabon geboren, studierte er in Coimbra – damals eines der humanistischen Zentren Europas. Sein Weg führte ihn an den Hof von König João III. Camões hat sich auch einen Namen als Abenteurer und trinkfreudiger Draufgänger gemacht. Als Soldat kämpfte er zwei Jahre in Afrika, wo er im Gefecht ein Auge verlor. 1552 kam er nach einem Streit in Haft; der Regent begnadigte ihn jedoch, wonach er an Bord eines Schiffes nach Indien anheuerte. Die fünfzehn anschließenden Jahre auf dem kurz zuvor entdeckten Subkontinent bedeuteten für Camões ein Leben voller Nöte, Ereignisse und dichterischer Produktivität.
„Die kriegerischen, kühnen Heldenscharen,
Vom Weststrand Lusitaniens ausgesandt,
Die auf den Meeren, nie zuvor befahren,
Sogar passierten Taprobanas Strand,
Die mehr erprobt in Kriegen und Gefahren,
Als man der Menschenkraft hat zuerkannt,
Und unter fernem Volk errichtet haben
Ein neues Reich, dem so viel Glanz sie gaben ...“ 
In der Schilderung von Vasco da Gamas Entdeckungsreise nach Indien stellt Camões Portugals maritimen Ruhm, aber auch Korruption und Dekadenz der eigenen Zeit dar. Die gesamte Welt war in wenigen Jahrzehnten verändert worden. Siebzig Jahre vor Camões Geburt brach das byzantinische Reich zusammen, was später von den Historikern als Ende des Mittelalters markiert wird. In England tobt der Rosenkrieg, aus dem die Tudors als neue Herrscherdynastie hervorgehen. In Deutschland druckt Gutenberg 1456 eine Bibel - erstmals mit beweglichen Lettern. Minne und Weltgeschehen werden in Frankreich von François Villon besungen. In Portugal bricht wegen Getreidemangels eine Hungersnot aus. Der russische Zar Ivan III beendet die Herrschaft der Mongolen. Botticelli schafft Wandgemälde in der Sixtinischen Kapelle, Bartolomeu Dias umfährt das Kap der Guten Hoffnung und Kolumbus entdeckt Amerika. Im Vertrag von Tordesilhas wird 1494 die Welt zwischen Portugal und Spanien aufgeteilt. 
Vier Jahre später erreicht Vasco da Gama Indien auf dem Seeweg. Montezuma herrscht über die Azteken, Leonardo Da Vinci beginnt das Bildnis der Mona Lisa. Heinrich VIII wird König in England. Macchiavelli propagiert in seinen Schriften politische Machtausübung ohne moralische Bedenken, Thomas Morus verfasst “Utopia” und Raffael malt die Madonna in der Sixtinischen Kapelle. Martin Luther übersetzt die Bibel. Als Luís de Camões geboren wird, wird in Deutschland Thomas Münzer hingerichtet, der aufständische Bauern angeführt hatte. Wenig später erreicht die Inquisition Portugal: selbst Verstorbene, wie der Arzt, Botaniker und Universitätslehrer Garcia de Orta werden posthum wegen Ketzertums verurteilt, ihre Gebeine ausgegraben und öffentlich verbrannt. 
Was Camões auf diesem weltpolitischen und kulturellen Hintergrund beschreibt, entspringt der Tradition seiner Heimat: Jahrhunderte lebte Portugal mit dem Rücken zu Europa. Seit Heinrich dem Seefahrer ging der Blick hinaus aufs Meer. Und der Seefahrer Vasco da Gama sollte es erkunden und Küsten finden. Nachdem Christoph Kolumbus von ungeheuren Reichtümern und Ländereien berichtete, die er selbst bei seiner Emtdeckungsfahrt vorgefunden hatte, entschließt sich Portugals König Manuel I., eine Expedition auszurüsten, die den Seeweg nach Indien über Afrika finden und die lange ersehnte Fernhandelsroute Lissabon-Calicut (Südwest-Indien) herstellen soll. Der Landweg durch das Osmanische Reich war blockiert und die Türken hatten die Preise für die in Europa begehrten Edelsteine, Seiden und Gewürze aus dem Fernen Osten in astronomische Höhen getrieben. So verlässt Vasco da Gama mit dem Auftrag „Gewürze und Christen zu suchen“ am 8. Juli 1497 mit einer kleinen Flotte Lissabon. Jahre später, zurück in Lissabon, wird Vasco da Gama Berater des Königs in Fragen der indischen Kolonien.  
Von nun an werden Europas Handelspreise in Lissabon bestimmt, das sich zum größten Umschlagplatz für Waren aus Fernost entwickelt hatte, sowie für Gold und Sklaven aus Afrika, und zur glanzvollsten Metropole Europas aufblüht. Vasco da Gama erhält vom König den Titel „Graf von Vidigueira“ und wird Vizekönig von Portugiesisch-Indien wird. Der Poet Camões, der das Leben des Indienfahrers besungen hat, erreicht 1572 die Veröffentlichung seines epischen Gedichtes „Os Lusíadas“ – zehn „Gesänge“ in 156 Strophen. König D.Sebastião zahlt ihm eine monatliche Rente von vierzig Reis – kein Reichtum, denn zu jener Zeit konnte ein Tischler etwa das Vierfache verdienen.
Camões' letzter Lebensabschnitt war nicht von Ruhm oder Ehrungen geprägt, Quellen berichten von dem javanischen Sklaven Jao, der für ihn betteln ging. Er starb verarmt und fand seine letzte Ruhe in einem Massengrab von Pestopfern – der kunstvoll verzierte Sarkophag im Lissabonner Jerónimo-Kloster ist nur Stein gewordene posthume Verbeugung vor dem Literaten
Und wer heute vom Camões-Park in den Hafen von Macau geht, sieht keine Opium-Karavellen und Galeonen mehr. Heute ist der Stützpunkt der ehemaligen Seemacht Portugal nur noch ein Provinzhafen.